Einleitung „Leben ist mehr als Hetzen und Jagen,
Leben ist mehr als nur Theorie,
Leben ist mehr als Zweifel und Fragen,
Leben ist hier, jetzt oder nie.“
Diese Worte stammen aus einem Lied des bekannten Kinderliedermachers Rolf Zuckowski, der im vergangenen Jahr 60 Jahre alt wurde und aus diesem Anlass seine persönlichen Erinnerungen mit einer CD für Erwachsene veröffentlicht hat. Das Lied „Leben ist mehr“ gefällt mir besonders gut, es drückt aus, was mein Mann und ich oft miteinander besprochen haben. So wurde es unser Motto für das Jahr 2008, für meinen alljährlichen Fotokalender und die „Kalendergeschichten“, die ich allen Freunden und Bekannten geschenkt habe. Da mein Mann vor kurzem seinen 70. Geburtstag gefeiert hat, passt so eine Lebensweisheit besonders gut.
„Leben ist mehr“ drückt eine Haltung zur Lebenskunst aus, wie sie Dietrich Grönemeyer in seinem Buch „LEBE mit Herz und Seele“ (2006) beschrieben hat. Unser Leben ist zu kostbar, um es nur unter dem Geldwert zu sehen. Lebenskunst bedeutet, das Leben zu lieben, es zu genießen, aber auch Verantwortung dafür zu übernehmen. Lebenskunst umfasst Gesundheit, die mehr als bloßes Wohlbefinden ist, und Herzlichkeit in unseren Beziehungen zu anderen Menschen. Es kommt darauf an, den Zusammenhang von Körper, Geist und Seele neu zu sehen und danach zu handeln. Grönemeyers Empfehlung lautet:
„Lebe dein Leben intensiv und gemeinschaftlich –
voller Lebenslust.“
„Genieße das Leben, es ist später als du denkst“, so lautet eine chinesische Weisheit. Das bedeutet „lass die Welt sich drehen und versuche nicht, sie noch anzutreiben“ (Grönemeyer 2006, S. 139). Der Spruch lädt dazu ein, nicht immer noch mehr zu hetzen und zu schuften, damit es uns morgen besser geht. „Leben ist jetzt, Leben ist dies“ heißt es in dem Lied von Rolf Zuckowski, und:
„Leben ist Lust und Leben ist Liebe,
Zeit für Musik und Zeit für ein Spiel.“
Forever young? Heutzutage stehen oftmals Leistung, Fitness und Produktivität im Vordergrund, alles muss immer schneller, immer noch besser und immer mehr werden. Viele unserer Freunde und Bekannten, die um die 60 Jahre alt sind, versuchen sich und uns immer wieder zu beweisen, wie jung und fit sie noch sind. Sie rennen und joggen, hetzen beim Tennismatch, machen eine Kurzreise nach der anderen, mal drei Tage Rom, dann ein Wochenende in Venedig, dann schnell mal nach Norderney.
Länger bleiben können sie nirgends, auch nicht zu Hause. Sie haben immer mehr Termine und Einladungen, zählen immer mehr Gäste bei ihrer Geburtstagsfeier. Sie vergrößern ihr Vermögen auf der Bank, damit die Kinder es mal gut haben. Denn die ersehnte „Sicherheit für das Alter“ haben sie schon erlangt. Manche können keine längere Reise machen, weil sie ihr Haus umbauen und renovieren müssen. Andere rennen von einem Kaffeeklatsch, Gymnastikkurs oder Kegelabend zum nächsten. Sie haben kaum Zeit für ein Telefongespräch, weil „auf der anderen Leitung“ auch schon wieder jemand anruft oder gerade jemand vorbei kommt.
Manche machen Nordic Walking in der Fitness-Gruppe, weil es modischer ist als Spazierengehen (und man hat Stöcke, aber keinen Spazierstock wie Oma und Opa). Andere beweisen ihre sportliche Fitness und gut erhaltene Jugendlichkeit beim Tennis, trainieren eifrig und spielen jeden Sonntag ein Turnier. Schmerzt mal das Knie, so wird es eben operiert, und gegen Rückenschmerzen, zu hohen Blutdruck und andere „Wehwehchen“ gibt es ja schließlich Medikamente.
Wie ich mein Thema fand Eigentlich wollte ich einen Aufsatz über das „Lernen im Alter“ schreiben, ich sammelte Material und las nach, was andere, bedeutendere Autoren schon zum Thema gesagt hatten. Aber irgendwie widersetzte sich das Thema meiner Bearbeitung, offenbar hatte ich noch nicht „mein Thema“ gefunden. Der Begriff „im Alter“ engte mich ein, grenzte meine eigenen Fragen und Antworten irgendwie aus. Wann beginnt „das Alter“? Ich bin gerade 56 Jahre alt geworden, aber nicht mehr berufstätig, im vorzeitigen Ruhestand. Ich wollte den Aufsatz auch mit Blick auf meinen Doktorvater schreiben, der bald 65 Jahre alt und dann emeritiert wird. Geht es mir wirklich um dieses „Lernen im Alter“, um das, was er und andere machen, wenn sie nicht mehr arbeiten? Was qualifiziert mich überhaupt dafür, mich über „das Alter“ zu äußern?
Nein, offenbar ist mein Thema ein anderes. Das Erlernen der Lebenskunst liegt mir am Herzen, nicht „im Alter“, sondern jetzt, hier und heute, eben „beim Älterwerden“, besser gesagt, bei meinem eigenen Älterwerden und dem unserer Freunde und Bekannten. Denn älter werden wir alle, schon wenn wir jung sind. Nur will es dann noch keiner wahrhaben. Unser Freund A. K., gerade 38 Jahre alt, würde das „Älterwerden“ sicher nicht als sein spezielles Thema betrachten. Und doch lernt auch er die Lebenskunst beim Älterwerden – von und mit jüngeren und älteren Menschen.
Aus dem geplanten wissenschaftlichen Aufsatz ist nun dieses Buch geworden, das nicht streng wissenschaftlich, sondern sehr persönlich gehalten ist. Denn beim Lesen der Literatur (fast alles aus unserer privaten Bibliothek) fand ich viele Erklärungen und Begründungen für diese und jene Haltung unserer Freunde und Bekannten. Was ich hier schreibe, sind subjektive Gedanken und reale Beispiele im Spiegel der Literatur. Das Thema hat mich begeistert und gepackt – ich kann mir vorstellen, es weiter zu erforschen und darüber zu schreiben. Da auch das lebenslange Lernen ein Aspekt der Lebenskunst ist, beginne ich mit einigen Gedanken zu diesem Thema. Dann erweitere ich das Spektrum durch einige Aspekte der Lebenskunst, die beim Älterwerden bedeutsam sind: Zusammenleben im Mehrgenerationenhaus, Zeitmanagement, Langsamkeit, Musik und Kunst, Reisen, Glück und Optimismus, Gesundheit.
Ich widme dieses Buch all unseren Freunden und Bekannten, die mir durch ihre individuelle Lebenskunst den Stoff für dieses Buch geliefert haben. Sie können sich an den Initialen ihres Vor- und Nachnamens erkennen. Manchmal habe ich Aspekte verschiedener Personen zur Beschreibung einer erfundenen Person kombiniert, in der sich mancher ganz oder teilweise wiedererkennen kann. Diese erfundenen Personen bekommen dann auch jeweils einen erfundenen Namen. Ich hoffe, dass sich trotz dieser Vorsichtsmaßnahmen niemand falsch beurteilt oder beleidigt fühlt.